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Was läuft in Wittenberge? Eine ganze Menge, aber Schimmel sind eher selten Potsdamer Kulturforscher kritisieren unangemessene Dramatisierungen und negative Darstellung der Region und setzen in einem Kulturkonzept positive Akzente
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Wer nach Bildern zu Deindustrialisierung, Bevölkerungsrückgang,
Stadtbrachen und deprimierten Arbeitslosen sucht, fährt nach
Wittenberge. Ob Spielfilme, Reportagen oder Fernsehberichte, die Stadt
steht für Niedergang und Aussichtslosigkeit.
Zweifellos ist Wittenberge ein besonders anschauliches Beispiel für die
dramatischen Umbrüche in ostdeutschen Industriestädten. Deshalb wählte
auch eine Forschergruppe aus fünf Instituten um den Kasseler Soziologen
Heinz Bude diese Stadt als Gegenstand einer groß angelegten Studie zum
Thema »Social Capital – Über das Leben im Umbruch«. Nach den bisher
bekannt gewordenen Ergebnissen (die Studie ist noch nicht
veröffentlicht) werden vor dem Hintergrund der einschneidenden
beruflichen, kulturellen und sozialen Veränderungen der vergangenen 20
Jahre »Überlebensstrategien« ausgewählter Wittenberger Bürger
dargestellt. Dabei kommen nicht nur vermeintliche Verlierer und
Frustrierte zu Wort, sondern auch die so genannten Gewinner und
Menschen, die neue Formen von informeller Arbeit, Austausch und
sinnhafter Tätigkeit entdecken. Die Studie zeigt also ein sehr
differenziertes Bild der Lebenswelten, Orientierungen und Aktivitäten
der Wittenberger.
In der Präsentation der Ergebnisse werden allerdings eher die
Vorurteile über eine verlorene Stadt bedient. Das liegt zunächst an der
journalistischen Aufbereitung durch den Medienpartner DIE ZEIT
(10/2010). Die Bildauswahl suggeriert Wittenberge als eine Stadt der
Kuriositäten (ein Schimmel wird von einer schwarz gekleideten Frau an
einem Kino vorbeigeführt), der Tristesse und zwanghafter Menschen.
Diese auf Effekte und an Vorurteilen orientierten Illustrationen
(Bilder bleiben bekanntlich eher haften als Texte) konterkarieren die
Bemühungen um ein differenziertes Bild.
Zentrale These der Forschergruppe ist, dass das Gemeinschaftsgefüge der
Stadt zerbrochen ist und sich unverbundene Gruppen (wie Säulen)
gebildet haben, die sich in Bezug auf ihre Lebenslage und Lebensweisen
strikt abgrenzen. Das ist allerdings eine Entwicklung, die in allen
westlichen Gesellschaften zu beobachten ist und seit vielen Jahren
unter verschiedenen Begriffen diskutiert wird. Es ist problematisch,
diese generelle gesellschaftliche Tendenz durch die Verknüpfung mit den
»Überlebensstrategien« der Befragten zu einem besonderen Problem
Wittenberges zu machen. Das führt dann zu unangemessenen
Dramatisierungen, wie beispielsweise in den Potsdamer Neuesten
Nachrichten vom 3. März 2010, die ihre Ausführungen zur besagten Studie
folgendermaßen etikettierten »Gesellschaft in Ostdeutschland droht
Zerfall«. Das Neue Deutschland titelte am selben Tag nicht weniger
dramatisierend »Ostdeutsche Gesellschaft zerfällt«, mit dem Fazit
»Sozialistisches ›Wir‹ nicht mehr vorhanden«.
Kulturkonzept für den Regionalen Wachstumskern
Perleberg-Wittenberge-Karstädt
Im Rahmen dieser einseitigen Berichterstattung kommt zu wenig zur
Geltung, dass die verantwortlichen Akteure in Wittenberge sich längst
auf den Weg gemacht haben, ihr Gemeinwesen neu zu gestalten. Dafür
sucht die Stadt Wittenberge auch die Zusammenarbeit mit ihren
Nachbargemeinden. Der durch das Land Brandenburg geförderte
Zusammenschluss zum Regionalen Wachstumskern Perleberg, Wittenberge und
Karstädt (RWK Prignitz) eröffnet beispielsweise Möglichkeitsräume und
überwindet die psychische sowie mentale Fixierung auf eine schrumpfende
Stadt.
In diesem Zusammenhang erarbeitete die Forschungsgruppe »Regional
Governance im Kulturbereich« des Studiengangs Kulturarbeit der
Fachhochschule Potsdam ein Kulturkonzept für den Regionalen
Wachstumskern Perleberg-Wittenberge-Karstädt. Die Studie gaben die drei
Kommunen in Auftrag unter finanzieller Beteiligung durch das
Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur des Landes
Brandenburg aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds. Die Untersuchung
wurde von Oktober 2008 bis November 2009 durchgeführt und am 2. März
2010 in einer gemeinsamen Sitzung der Kulturausschüsse der drei
Kommunen diskutiert.
Das regional orientierte Kulturkonzept wurde auf einer breiten
Beteiligungsbasis erarbeitet. Kulturschaffende, Politiker und andere
regionale Akteure wurden im Rahmen von Experteninterviews, Gesprächen
und Workshops in den Prozess integriert. Die kulturellen
Nutzungsgewohnheiten und Wünsche der Bürger wurden mittels eines
schriftlichen Fragebogens erhoben. Im Gegensatz zu den
Negativschlagzeilen über die Prignitz und insbesondere Wittenberge
konnte das Team der Forschungsgruppe, Patrick S. Föhl, Iken Neisener
und Prof. Dr. Hermann Voesgen, neben den ohne Zweifel bestehenden
immensen demografischen Herausforderungen der Region auch zahlreiche
positive Ansatzpunkte in ihren Untersuchungen herausarbeiten.
Viele Projekte und Kooperationen sind bereits sichtbar, weitere
entstehen derzeit. Dem häufig bemängelten fehlenden »Wir-Gefühl«, steht
– trotz aller gegenwärtigen Barrieren – ein neuer Ansatz regionaler
Zusammenarbeit gegenüber, der den Weg eines offensiven und kreativen
Umgangs mit dem demografischen Wandel ebnet. Die Forscher der FH
Potsdam trafen bei ihren Untersuchungen nicht nur auf eine Vielzahl
engagierter Akteure aus dem öffentlichen, privaten und ehrenamtlichen
Bereich, sondern auch auf zahlreiche interessante Orte und Projekte.
Insbesondere die industriekulturelle Geschichte der Stadt Wittenberge,
mit all ihren Brüchen und Orten, stellt eine entwicklungsfähige
Grundlage sowohl für einen offenen Umgang mit den drängenden Problemen
des Wandels dar als auch für die kulturtouristische Nutzung. Die
verlassenen Industrieanlagen und mitunter leer stehenden Stadtteile
können den inzwischen zahlreich in der Region lebenden Künstlern als
kreativer Schau- und Arbeitsort dienen und Studenten zu Projekten
anregen. Gemeinsam mit den vorhandenen Kulturangeboten und Projekten in
der Region können lokalspezifische Themen, wie z.B. Mode und Nähen,
gemeinsam aufbreitet und vermittelt werden. Gleichfalls gilt es Räume
zu schaffen, für zunächst verrückt erscheinende und innovative Ideen,
um von altbewährten Mustern abzurücken und neue, vor allem ungewohnte,
Sichtweisen auf die Region zu entwickeln. Damit kann das
verkehrsgünstig gelegene Wittenberge als Tor zur Prignitz und vor allem
zu den Partnern Perleberg und Karstädt fungieren. Deren gemeinsame
Stärken liegen indes nicht nur in der Kooperation und
Ressourcenbündelung, um gemeinsam Kulturangebote zu erhalten und zu
entwickeln, sondern auch in der Herausstellung der
Unterschiedlichkeiten. So findet sich in den drei Kommunen ein
facettenreicher Querschnitt verschiedener brandenburgischer Traditionen
und Sozialgeschichte.
Doch trotz all der nötigen Außenorientierung soll das Kulturkonzept
nicht dazu verleiten, ausschließlich auf eine Verbesserung der
Außenwahrnehmung zu zielen und touristische Potenziale in den
Mittelpunkt zu stellen. Zu großen Teilen konzentriert es sich auf die
Bürger vor Ort und die Themen Generationengerechtigkeit, kulturelle
Bildung, Aktivierung, angepasste Entwicklung der vorhandenen
Kulturangebote und nicht zuletzt auf die Umlandfunktion des RWK. Denn
über die gegenseitige Unterstützung der drei Kommunen hinaus, wird
daran zu arbeiten sein, kulturelle Angebote so zu gestalten, dass sie
auch in das Umland strahlen, um eine kulturelle Teilhabe für diejenigen
sicherzustellen bzw. anzubieten, die in den peripheren Räumen der
Prignitz leben. Dafür – so die Empfehlung – muss zukünftige
Kulturarbeit und -förderung interkommunal, mobil und integrativ
ausgerichtet werden.
Mit der Realisierung der genannten Empfehlungen kann an einem neuen und
selbstkritischen/bewussten Image einer Umbruchsregion gearbeitet
werden, das die Bürger vor Ort stärkt und ein Angebot nach außen
darstellt, sich mit dieser Region auf eine neue Weise zu beschäftigen.
Ohne Zweifel kann dieser Prozess nur gelingen, wenn ein schonungsloser
und offener Umgang mit den gegenwärtigen Umbrüchen und Verlusten
gepflegt wird.
Dass der Wandel als Chance begriffen werden kann, hat die gemeinsame
Sitzung der Kulturausschüsse der drei Gemeinden am 2. März 2010 im
Perleberger Rathaus eindrucksvoll unterstrichen. Dort war man sich
einig, die bestehenden Hürden der Konkurrenz Schritt für Schritt hinter
sich lassen zu wollen und das zukünftige Handeln im Kulturbereich,
analog zu den Empfehlungen der FH Potsdam, an den Maßstäben der
Nachhaltigkeit, der Aktivierung und der Offenheit hinsichtlich
innovativer Ideen auszurichten. Der Mut und die Zuversicht,
ungewöhnliche Wege zu erproben und sich damit den Herausforderungen des
demografischen Wandels auf kulturellem Gebiet zu stellen, gewinnen in
der Region Wittenberge an Boden.
Ein Abstract der Kulturkonzeption steht auf der Seite des RWK
Perleberg-Wittenberge-Karstädt zum Download bereit:
http://daten.verwaltungsportal.de/dateien/meldungen/101136/kulturkonzept_rwk_synopse.pdf
Weitere Informationen und Kontakt
www.regional-governance-kultur.de
Kontakt:
Medieninformationen und
Veranstaltungshinweise der FH Potsdam können Sie auch im Internet
abrufen: http://www.fh-potsdam.de/aktuelles.html
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