POTSDAM / INNENSTADT - Als die Rote Armee am 31. Januar 1943 den Kommandeur des Kessels von Stalingrad, Friedrich Paulus (1890-1957), gefangen nimmt, hatte ihn Adolf Hitler kurz zuvor zum Generalfeldmarschall und er sich selbst zum Zivilisten ernannt. Über diesen Mann, der sich durch den Kniff seiner absurden Selbst-Entmilitarisierung der Verantwortung für die Kapitulation zu entziehen glaubte, hat Torsten Diedrich ein Buch geschrieben. Im Alten Rathaus stellte der Militärhistoriker und Autor am Sonntag seine Biografie „Paulus – Das Trauma von Stalingrad“ als gebundenes, 580 Seiten starkes Diskussionsobjekt in der Reihe „Potsdamer Köpfe“ vor. Wie auch Diedrich weiß, ist dem Thema „Paulus und Stalingrad“ seit dieser verheerenden und vielleicht sogar kriegsentscheidenden Niederlage der Wehrmacht viel Aufmerksamkeit gewidmet worden. Auch Bücher über diese Wende im Kriegsgeschehen und Biografien ihrer Protagonisten gibt es seither wahrlich genug. Bei seiner Powerpoint-Präsentation im vollbesetzten großen Saal des Alten Rathauses führte der Historiker dann aber einen gewichtigen Grund an, sich neuerlich mit dem Thema zu befassen: Bisher hätten sich alle dem gescheiterten Generalfeldmarschall mit dem Fokus auf Stalingrad angenähert. Er aber glaube, dass ein objektiveres Verständnis der Rolle von Paulus vor allem in dessen biografischer Vorgeschichte zu suchen sei. So begann Diedrich seinen Vortrag mit der Kindheit des aus bescheidenen Verhältnissen stammenden Mannes und belegte dessen fatalen Hang zur Geltung sowie Paulus aristokratische Wunschzugehörigkeit, die er durch seine Heirat mit einer Adligen realisiert zu haben glaubte. Bereits dem jungen Paulus als aufstrebendem Reichswehroffizier bescheinigt Diedrich Eitelkeit, übertriebenen Ordnungssinn sowie eine latente Neigung, sich Stärkeren anzudienen und eine daraus folgende eigene Entschlussschwäche. Der Autor zeigt auf, dass Paulus so hochgelobtes „operatives Talent“ vor allem dann zum Tragen kam, wenn der Stabsoffizier als Ergänzung eines Draufgängers wie etwa Generalfeldmarschall Walter von Reichenau militärisch harmonierte und funktionierte. Als Paulus dann das Oberkommando über die 6. Armee übertragen bekam, erwies sich allerdings, dass er sehr wohl eine weitgehend richtige Einschätzung der militärischen Lage vornehmen konnte und somit in der Lage gewesen wäre, durch einen frühzeitigen Ausbruch aus dem Kessel oder eine Kapitulation dem Elend des Massensterbens ein Ende zu setzen. Bezeichnend für den selbst ernannten Zivilisten war auch, dass sich Paulus in der Gefangenschaft sogleich eifrig um seine Feldmarschalls-Schulterstücke bemühte und er sie dann auch bei den Russen tragen durfte.
Die lebhafte Diskussion nach dieser Buchvorstellung bewies, dass auch dies nicht das letzte Paulus-Buch sein wird. (Von Lothar Krone)
Quelle: Märkische Allgemeine Zeitung