POTSDAM / SCHLAATZ - Es ist eine kuriose Geschichte: Die deutsche Sportlerin Gretel Bergmann gewinnt die britische Meisterschaft im Hochsprung und stellt im Olympiajahr 1936 den deutschen Hochsprungrekord von 1,60 Metern ein. Nur, weil es den Nazis opportun erschien, durfte die Jüdin an der Qualifikation für Olympia teilnehmen. Im Hintergrund aber tüftelten die Nazis daran, sie durch einen Mann in Frauenkleidern auszubooten. Von dieser grotesken Geschichte erzählt die Ausstellung „Vergessene Rekorde – Jüdische Sportler in Deutschland“. Die Schau im Haus der Generationen und Kulturen geht aber noch viel weiter, sie zeigt, wie eingebunden jüdische Sportler bis 1933 in Deutschland waren.
In seinem Einführungsvortrag sprach der Sporthistoriker Hans Joachim Teichler, Professor an der Universität Potsdam, am Mittwochabend in der Reihe „Potsdamer Köpfe im Kiez“über eine Geschichte, die eigentlich eine ruhmvolle hätte werden können. Zehn Prozent der deutschen Juden waren in Sportverbänden organisiert. In den drei jüdischen Verbänden Vintus, Schild und Makkabi waren es aber nicht mehr als 10 000 – bei einer halben Million Juden im Deutschen Reich. Trotzdem habe es große jüdische Sportler gegeben, Gretel Bergmann ist nur eine davon. Die Fechterin Helene Mayer etwa, die 1929 und 1931 Europameisterin wurde.Mit der Machtübernahme der Nazis wurde alles anders. Einige Sportler emigrierten, andere kamen später im KZ um. Die Tennisspielerin Nelly Neppach nahm sich 1933 gar das Leben. Die Scheinblüte, die die jüdischen Sportvereine wenig später erlebten, gründete auf dem Kalkül der NS-Herrscher: Mit ihnen wollte sich das Olympialand weltoffen zeigen. Mit den Novemberpogromen 1938 war damit dann Schluss. Die Leichtathletin Lilli Henoch wurde 1942 nach Riga deportiert und dort ermordet. Der Turner Alfred Flatow verhungerte im selben Jahr im KZ Theresienstadt.
Die Ausstellung hing in erweiterter Form im Sommer bereits im Berliner Centrum Judaicum. Aus Platzgründen mussten sich die Veranstalter aber kürzer fassen. So sind die Infotafeln über Gretel Bergmann und Martha Jacob, die deutsche Meisterin im Speerwurf, von jeweils vier auf zwei Tafeln mit Leben und Leistungen zusammengefasst; flankiert von einem großformatigen Foto. Auch haben die Veranstalter jenen Teil weggelassen, der sich damit befasst, wie die deutschen Sportverbände ihre NS-Vergangenheit aufarbeiten. Mit dem guten, weil wissenschaftlich gehaltenen Begleitbuch ist die Veranstaltung informativ und anschaulich zugleich.„Vergessene Rekorde“, Milanhorst 9, noch bis 12. November. Der Begleitband ist für 16,90 Euro erhältlich. (Von Christoph Seyfert)
Quelle: Märkische Allgemeine Zeitung
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