POTSDAM / INNENSTADT -
Oberstleutnant Harald Potempa vom Militärgeschichtlichen Forschungsamt
in Potsdam (MGFA) trägt nicht nur stolz die dunkelblaue Uniform der
Bundesluftwaffe, sondern ist sogar selber Flieger. Im großen
Vortragsraum des Alten Rathauses trat ein betont korrekt auftretender
Offizier ans Pult und sprach in der Reihe „Potsdamer Köpfe“ knapp
eineinhalb Stunden über „Ballone und Flugzeuge in Wolken, Stürmen und
Stahlgewittern“. Anlass war ihm dabei ein Jubiläum, das wohl den
wenigsten Deutschen bekannt ist und das im medialen Gewitter einer an
Ereignissen so reichen Zeit schon mal untergehen kann. Vor 125 Jahren –
genauer im Mai des Jahres 1884 – begann insofern die Geschichte der
deutschen Luftwaffe, als 30 deutsche Männer in Preußen mit einem
Aufstellungsbefehl zu ihren beiden Ballons gerufen wurden. Drei Jahre
nach dieser militärhistorischen Epochenwende zogen die Bayern nach und
bewiesen damit ebenfalls ihren heute noch unbestrittenen Sinn für
technische Innovationen.
Nur 34 Jahre später war aus der anfangs
belächelten Schar Luftaufklärer eine Waffengattung gewachsen, die zum
technisch Besten gehörte, was das Wilhelminische Heer zu bieten hatte.
80 000 Mann und 4000 einsatzfähige Flugzeuge haben allerdings nicht
verhindert, dass der Erste Weltkrieg als Desaster endete und
Deutschland mit dem Versailler Vertrag jede Form von Luftstreitkräften
verboten wurde. Die Reichswehr reagierte auf das Verbot bekanntlich
sehr pragmatisch und kooperierte entgegen aller ideologischen Bedenken
mit den Klassenfeinden der im Aufbau befindlichen Roten Armee in
Sowjetrussland.
Potempa konzentrierte sich auf die militärische
Entwicklung der Luftstreitkräfte bis 1918 und hatte sein Augenmerk auch
auf die oft vernachlässigten Helfer der Luftwaffe am Boden gelegt.
Immerhin lag bereits damals das Verhältnis von Fliegern und
Bodenpersonal bei 1:10. Wenige Angehörige der Luftstreitkräfte waren im
Ersten Weltkrieg also in der Luft, relativ selten kam es zu Luftkämpfen
und Abschüsse waren ein absolutes Ausnahmeereignis. Die hohe Zahl der
Verluste in der deutschen Luftwaffe erklärt sich vor allem aus dem
Fakt, dass zwei Drittel der Piloten ohne Feindeinwirkung starben.
Abstürze nach Flugfehlern oder wegen technischer Defekte stellten ein
großes Problem dar, und auch am Boden war der Krieg für die
Fliegerkräfte ein lebensgefährliches Unternehmen.
Warum den Menschen in der Heimat das Bild vom
„Ritter der Lüfte“ vorgegaukelt wurde, verriet eine alte Postkarte.
„Unsere Helden im Flugkampf“ zeigte ein halbes Dutzend Gesichter von
erfolgreichen Piloten, deren hauptsächliche militärische Bedeutung in
ihrer Eignung zum fliegenden Siegesboten bestand. Welch ein Betrug.
(Von Lothar Krone)
Quelle: Märkische Allgemeine Zeitung