Alternativer Stadtführer
Toleranzedikt fertig: 17 500 kostenlose Exemplare / Pete Heuer (Linke) fordert Abstimmung
Rund
250 Gramm schwer, etwas größer als ein A5-Blatt, 100 Seiten: Das neue
Potsdamer Toleranzedikt und der angehängte Erklärtext sind deutlich
voluminöser als sein historischer Vorgänger von 1685. Gestern wurde das
Edikt öffentlich vorgestellt, 17 500 Exemplare warten auf Leser. Der
Text ist dabei über weite Strecke von einem stark
politikwissenschaftlichen Sprachstil geprägt, enthält aber auch Thesen
über die zukünftige Stadtentwicklung. „Potsdam tut viel für die
Vergangenheit, von der es profitiert. Der Wagemut für die Gegenwart und
die Zukunft hält sich in Grenzen. Die Museums- und Touristenstadt
vergisst noch ihre Jugendlichen, die Freiräume brauchen“, heißt es im
einleitenden Fazit des Papiers.
Die Idee zu einem
neuen Toleranzedikt war nach dem mutmaßlich rassistisch motivierten
Angriff auf den in Äthiopien geborenen Potsdamer Ermyas Mulugeta
entstanden. Sie wurde laut Stadtverwaltung zum größten Teil vom
Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft finanziert, als
Einzelprojekt nach der Niederlage Potsdams beim Wettbewerb „Stadt der
Wissenschaft“. Unter Leitung des Potsdamer Politologen Heinz Kleger
hatte ein Team aus Studenten und Medienexperten seit Frühjahr versucht,
mit den Potsdamern über Toleranz in der Landeshauptstadt zu reden:
Postkarten, das Internet und 66 in der Stadt verteilte
Diskussionstafeln sollten dabei helfen.
Das
neue Edikt auf zwei Seiten sowie die Erläuterungen dokumentiert in
einem seiner drei Teile die Tage und Wochen des „Stadtgesprächs“ über
ein halbes Jahr: Bewegt hat die Potsdamer dabei vor allem die
Behandlung ausländischer Mitbürger, die Themen Jugendkultur und
Kinderfreundlichkeit, die Wohnkosten in der Stadt sowie die
Wiedergewinnung der Potsdamer Mitte. „Dabei überwogen die kritischen
Stimmen, die unter anderem die Bürgerbefragung der Stadtverwaltung zum
Schloss-Aufbau kritisierten“, heißt es im Edikt. Ebenso habe sich eine
Mehrheit der Teilnehmer gegen die Politik der Schlösserstiftung in
ihren Parks ausgesprochen: „Viele Menschen fühlen sich in ihren
Lebensgewohnheiten und Freiheiten eingeschränkt.“
Viel
Raum in der Broschüre erhält auch der Abdruck von Selbstverpflichtungen
für stetige Toleranz, die bisher 45 Potsdamer Vereine und Institutionen
ausgearbeitet haben – unter anderem die Fördergesellschaft für den
Wiederaufbau der Garnisonkirche, die sich dazu verpflichtet, nach dem
umstrittenen Bau der Kirche einen „aktiven Geschichtslernort“ entstehen
zu lassen. Die Praxis der Selbstverpflichtungen soll fortgesetzt
werden. „Das Edikt ist noch kein Schlussstrich unter die
Toleranzdebatte, sondern nur eine Zwischenbilanz“, sagte
Oberbürgermeister Jann Jakobs während der Präsentation in der
Kutschstall-„Manege“.
Schon gestern
veröffentlichte Linke- Kreischef Pete Heuer einen mehrseitigen Aufsatz,
in dem er die Diskussion um das Edikt in Dauer und Methodik als „bisher
einmalig“ bezeichnete. Nun sollten die Potsdamer über das neue
Toleranzedikt abstimmen können und ihm so „Anerkennung und
Durchsetzungsfähigkeit zu verleihen“.
Das
kostenlose Edikt soll zunächst im Stadthaus und in den Kundenzentren
der Stadtwerke und von Pro Potsdam ausliegen. Ebenso werden Neubürger
bei ihrer Anmeldung in Potsdam mit einem Exemplar versorgt. Heinz
Kleger: „Es ist damit ein alternativer Stadtführer zu den Orten von
Toleranz und Intoleranz in Potsdam.“
Quelle: Potsdamer Neueste Nachrichten
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