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PNN vom 22. November 2008 „Nazi-Vergleiche und Hausbesetzungen helfen nicht“. Heinz Kleger, Potsdamer Politik-Professor über die aktuelle Jugendkulturdiskussion und das Toleranzedikt
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„Nazi-Vergleiche und Hausbesetzungen helfen nicht“Heinz Kleger, Potsdamer Politik-Professor über die aktuelle Jugendkulturdiskussion und das Toleranzedikt
Herr Prof. Kleger, Potsdam erlebt eine heftige
Diskussion um Jugendkultur, die auch mit Toleranz zu tun hat.
Nacheinander gab es einen umstrittenen Polizeieinsatz an der
Skaterhalle, die Protest-Aktion im Stadtparlament, den Nazi-Vergleich
von Oberbürgermeister Jann Jakobs und seine Strafanzeige wegen
Hausfriedensbruch gegen die Party-Besetzer der Skaterhalle. Was läuft
gerade schief?
Die Museums- und Touristenstadt, die
erst kürzlich wieder ausgezeichnet worden ist, hat objektiv – ohne
bösen Willen zu unterstellen – andere Prioritäten als eine autonome
Jugendkultur in der Innenstadt. Eines der Ergebnisse des Stadtgesprächs
war, dass sich die Jugendlichen nicht ernst genommen und an den Rand
gedrängt fühlen. Gleichwohl hätte ich als autonomer Jugendlicher das
Angebot der Stadt angenommen, dass der Spartacus e.V. zumindest für den
Übergang die Räume der ehemaligen Humboldt-Buchhandlung nutzen kann.
Das wäre ein Sprungbrett gewesen, um sich am gigantischen Umbau der
Potsdamer Mitte zu beteiligen. Denn das Motto „Freiräume statt
Schlossträume“ kann keine Perspektive für die Stadtentwicklung sein. Es
müsste „Freiräume und Schlossträume“ heißen.
Nun
scheinen die Fronten zwischen Jugendlichen und der Stadt verhärtet. Sie
haben während der Neuschreibung des Edikts betont, wie wichtig
Gesprächsfähigkeit ist. Wie kommen beide Seiten wieder an einen Tisch?
Eine
Idee wäre gewesen, die Kulisse der Toleranz-Ausstellung in den
Bahnhofspassagen für ein gemeinsames Gespräch zu nutzen. Leider fehlt
es auf allen Seiten vielfach an Eigenständigkeit und Phantasie. In der
Präambel des neuen Toleranzediktes heißt es, Toleranz bedeutet auch,
aber nicht nur Geduld; sie wird aktiv, wenn Menschen aufeinander
zugehen und miteinander ins Gespräch kommen; das geduldige Zuhören
gehört ebenso dazu wie das engagierte Debattieren. Dabei helfen keine
Hausbesetzungen, Nazi-Vergleiche, Strafanzeigen und
Parlaments-Störungen.
Fast parallel zu der Diskussion
fand jüngst die besagte Ausstellung zum Toleranzedikt statt. Innerhalb
von einer Woche haben sie 1200 Menschen besucht, pro Tag also rund 200.
Zu wenig für eine Aktion, die Stadtgespräch sein wollte?
Nein.
Es kommt nicht immer auf die Zahlen an, sondern auf das, was inhaltlich
passiert. In der zweiten Woche haben wir beispielsweise die Ausstellung
nur für Schulen geöffnet. Fünf Schulen haben sich beteiligt, mit
Gesprächsrunden zum Thema Gewalt und Ausgrenzung an Schulen und zu
Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus. Und inhaltlich ist etwas
passiert: Einige Schüler wollen selber die Idee mit den
Diskussionstafeln aufgreifen und weiterführen, andere wollen eigene
Projekte anstoßen.
Kritiker meinen, das Edikt sei bloß eine Imagekampagne für Potsdam gewesen …
Imagekampagnen
gibt es in und für Potsdam genug. Das Toleranzedikt als Stadtgespräch
war in der alltäglichen Realität etwas ganz anderes. Es ging um
Identität und Selbstverständnis und nicht um Image und
Oberflächlichkeit. Solche tiefergehenden Prozesse kann man nur anregen.
Das ist glaube ich gelungen. Es war Zeit für zahlreiche ernsthafte
Gespräche. Lesen sie die Abschlussbroschüre, die alles andere als ein
Marketingprodukt ist. Es finden sich darin genug Inhalte, auf die man
sich aus unterschiedlichen Perspektiven beziehen kann. Dies allerdings
würde ich mir noch deutlich mehr wünschen.
Was hätte während der Neuschreibung des Edikts noch anders laufen müssen?
Es
war ein einmaliges Experiment, bei dem man danach immer klüger ist. Am
Anfang hätte ich mir von allen Seiten mehr inhaltliche Unterstützung
gewünscht. Gerade die Resonanz bei den Studenten der Potsdamer
Hochschulen ist viel zu gering für eine Stadt, die eine Wissenschafts-
und Universitätsstadt werden will. Dies hängt wiederum mit der
objektiven Situation Potsdams zusammen, die nicht nur vor allem eine
Schlösser- und Parkstadt ist, sondern auch in der unmittelbaren Nähe
von Berlin liegt. Viele Studenten wohnen dort und gehen hier an die Uni
wie an eine Schule, vielen fehlt deshalb die Beschäftigung mit der
Stadt. Diese Stadt könnte aber eine besonders interessante Schule sein
- von der Geschichte wie von der Gegenwart her. Dieses Potential wird
nicht genutzt.
Die zentralen Punkte des Toleranzedikts
sollen die Selbstverpflichtungen für Toleranz sein. Parteien haben sie
unterzeichnet, auch Vereine wie die Fördergesellschaft für den
Wiederaufbau der Garnisonkirche. Fehlt mit der
Stadtverordnetenversammlung nicht der wichtigste Akteur?
Von
der neuen Stadtverordnetenversammlung erhoffe ich mir noch eine
Stellungnahme im Sinne einer orientierenden Empfehlung. Insbesondere
die Jungen in den verschiedenen Parteien könnten sich inhaltlich auf
das neue Edikt beziehen und sagen, was es für die Stadt bedeutet -
gerade in der jetzigen Auseinandersetzung um die Jugendkultur.
Was bleibt aus ihrer Sicht von der Neuschreibung des Potsdamer Toleranzedikts dauerhaft für die Stadt haften?
Es
bleibt das haften, was die Potsdamer mit den Informationen, Anregungen
und Anknüpfungspunkten des Edikts machen. Die Präambel des Edikts kann
als Orientierungsrahmen für die Stadt betrachtet werden. Es gibt
genügend Hinweise, auch kritische, die deutlich machen, was Stadt der
Bürgerschaft für Potsdam heißen könnte. Wie viel Interessantes dazu in
den Stadtteilen außerhalb der historischen Innenstadt läuft, wird
ebenso deutlich. Das neue Tolanzedikt überschneidet sich zudem mit dem
Integrationskonzept der Stadt.
Sie haben während der Aktion viele Aspekte der Stadt kennen gelernt. Was hat sie besonders negativ überrascht?
Besonders
negativ hat mich nichts überrascht, im Gegenteil: Ich musste zahlreiche
Vorurteile korrigieren. Ich hatte viele Gelegenheiten, mit Leuten ins
Gespräch zu kommen, mit denen sonst kaum gesprochen wird - die große
Zahl der 150 000 Potsdamer. Es gibt so etwas wie eine Spaltung Potsdams
- in das Image nach außen, welches als Kulisse ge- und missbraucht
wird, und in ein Potsdam der zahlreichen Einwohner in Stadtteilen, die
man gar nicht als Potsdam kennt.
Das neue Jahr beginnt bald. Vor den Erfahrungen des Toleranzedikts: Welche drei Wünsche haben sie für Potsdam?
Erstens wünsche ich mir für die Kinder, dass es mindestens zwei Wochen
Schnee gibt. Ohne eine Kindheit mit Schneemännern und Rodeln fehlt
etwas. Zweitens sollten sich die Generationen in Potsdam nicht auf die
Lager Freiräume und Schlossträume verteilen. Drittens wünsche ich mir,
dass wir nicht nur in Kategorien von Kommerzialisierung, des Images
oder von Ranglisten denken, sondern uns wieder mehr Gedanken über
Inhalte machen: Etwa über die Zukunft der Demokratie.
Das Interview führte Henri Kramer
Quelle: Potsdamer Neueste Nachrichten
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