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MAZ vom 11. Oktober 2008
Reiseführer im Freilichtmuseum - Das neue Potsdamer Toleranzedikt liegt vor / Bolzplatz und Generator liefern neuen Stoff
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POTSDAM / INNENSTADT - Der Sportverein Concordia06 besetzt städtisches Brachland, damit die Kinder endlich einen Bolzplatz haben. Diesen Lokalaufmacher in der MAZ nahm Professor Heinz Kleger gestern als Bestätigung, dass er die aufreibenden acht Monate mit Diskursen und Dokumentationen für das neue Potsdamer Toleranzedikt nicht umsonst investiert hat. Denn das Stadtgespräch geht weiter. Thesengeber Kleger will nicht, dass mit dem vorgelegten Papier ein „Event" endet und vom nächsten gejagt und vergessen gemacht wird. Das Edikt soll nur Etappenziel sein auf dem Weg zur „offenen und toleranten Stadt der Bürgerschaft".

Drei aktuelle und strapaziöse Themen hat der Professor ausgemacht: die „Ermöglichung selbstbestimmter Räume für Jugendliche im Zentrum des Freilichtmuseums Potsdam", die Gestaltung der Stadtmitte und den bürgerfreundlichen Umgang mit den Schlossparks .

Toleriert man also die illegale Landnahme für den Bolzplatz, fragt Kleger. Oberbürgermeister Jann Jakobs sagt ja. „Weil die Kicker auf den tatsächlichen Missstand fehlender Freizeit- und Trainingsplätze hinweisen."

Ein junger Mann aus dem Publikum schiebt die nächste Frage nach: Ist es nicht intolerant, wenn Antifa-Leute den Stromgenerator der DVU bei deren Kundgebung zerstören? Jakobs, der für die Gerichtskosten der Täter spontan gespendet hatte, hält sich zurück. Man müsse das diskutieren, sagt er, die DVU stehe jedenfalls für Intoleranz und Fremdenfeindlichkeit.

Aus Sicht von Simone Leinkauf vom Verein Pro Wissen, der bei dem Projekt Kooperationspartner der Stadt war, ist das Experiment gelungen, eine ganze Bürgerschaft ins Gespräch zu ziehen. Man habe alle gesellschaftlichen Gruppen und alle Stadtteile erreicht. 66 mit Meinungen beschriebene Stellwände zeugen davon, auch wenn da mal Hassparolen oder Liebesgrüße stehen. 537 Postkarten mit eigenen Gedanken schickten die Bürger an das Projektteam um Daniel Wetzel, den weitesten Weg legte die Karte eines in Kanada lebenden MAZ-Abonnenten zurück, der die Vorlage mit seiner Zeitung bekommen hatte. Das Internet-Diskussionsforum zum Toleranzedikt verzeichnet 70000 Nutzerzugriffe und 469 Beiträge. 45 Unternehmen, Einrichtungen und Verbände haben Selbstverpflichtungen zum toleranten Miteinander erarbeitet.

Professor Kleger wünscht sich, dass die Edikt-Broschüre ein alternativer Stadtführer werden möge. Er könne Potsdamern, Touristen und Studenten die Orte von Toleranz und Intoleranz zeigen. Die Landeshauptstadt sei spannend wegen ihrer Konflikte und weil sie „ein wehreicher Ort" sei.

Die Erstauflage von 17500 Exemplaren ist im Bürgerservice des Rathauses sowie in den Kundenzentren der Pro Potsdam und der Stadtwerke kostenlos erhältlich. „Wenn sie vergriffen ist, drucken wir nach", sagte Jakobs.

Historisches Vorbild ist das Toleranzedikt, mit dem der Große Kurfürst Friedrich Wilhelm von Brandenburg 1685 den in Frankreich verfolgten Hugenotten eine sichere Bleibe in der Mark bot. (Von Volkmar Klein)

 

Quelle: Märkische Allgemeine







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